1. Kapitel: Zeichenkünste eines Kindes

    Übersetzung ins Deutsche von Alexander Varell

    55195
    0
    Durchschnittliche Bewertung: 4.6. Bei 129 Stimmen.
    Bitte warten ...
    Teilen

    Als ich sechs war, sah ich einmal ein wunderbares Bild in einem Buch über den Dschungel, das »Wahre Geschichten« hieß. Auf dem Bild war eine Königsschlange, die gerade ein wildes Tier verschlingen wollte. Hier ist eine Kopie des Bildes:

    Der kleine Prinz – Eine Boa, die ein wildes Tier verschlingtIn diesem Buch heißt es: »Boas verschlingen ihre Beute als Ganzes, ohne zu kauen. Danach können sie sich nicht mehr bewegen und schlafen sechs Monate zur Verdauung.«

    Ich grübelte daher viel über die Ereignisse im Dschungel. Mit einem Farbstift gelang mir meine erste Zeichnung. Meine Zeichnung Nummero 1. Sie sah so aus:

    Der kleine Prinz – Die geschlossene RiesenschlangeIch legte mein Meisterwerk den großen Leuten vor und fragte sie, ob ihnen die Zeichnung nicht Angst mache.

    Sie sagten: »Warum sollten wir Angst vor einem Hut bekommen?«

    Meine Zeichnung stellte aber gar keinen Hut dar. Es war eine Riesenschlange, die einen Elefanten verdaut. Ich zeichnete also das Innere der Boa, damit es die großen Leute genau erkannten, denn sie brauchen immer Erklärungen. Meine Zeichnung Nummero 2 sah so aus:

    Der kleine Prinz – Die offene Riesenschlange mit einem ElefantDie großen Leute rieten mir dann, das Zeichnen von offenen oder geschlossenen Boas bleiben zu lassen und mich mehr mit Geographie, Geschichte, Mathematik und Grammatik zu beschäftigen. So kam es, dass ich im Alter von sechs eine wunderbare Karriere als Maler aufgab. Ich hatte durch das Scheitern meiner Zeichnungen Nummero 1 und Nummero 2 meinen ganzen Mut verloren. Die großen Leute verstehen nie etwas von selbst. Und für die Kinder ist es viel zu mühevoll, ihnen die Dinge immer und immer wieder von neuem zu erklären.

    Der kleine Prinz, Antoine de Saint-Exupéry, Originaltext zum Film, Cover
    Das Buch lesen und verschenken: Der kleine Prinz, Antoine de Saint-Exupéry, Taschenbuch, ISBN 978-1519684776, 3,99 €

    Ich musste mir also einen anderen Beruf wählen, und ich lernte Flugzeuge zu fliegen. Ich flog durch die ganze Welt. Die Geographie, das ist richtig, hat mir gute Dienste dabei geleistet. Auf den ersten Blick kann ich nun China von Arizona unterscheiden. Das ist besonders hilfreich, wenn man sich in der Nacht verirrt hat.

    In meinem Leben lernte ich viele bedeutende Menschen kennen. Ich lebte mit ihnen zusammen und beobachtete sie ganz genau. Doch an meiner Meinung über sie änderte sich nichts.

    Immer, wenn ich jemanden traf, der mir ein wenig schlauer vorkam, zeigte ich meine Zeichnung Nummero 1, die ich mir dafür aufgehoben hatte. Ich wollte wissen, ob er sie verstand. Aber alle antworteten sie nur: »Dies ist ein Hut.« Dann wusste ich, dass ich mit diesen Leuten nicht über Boas oder den Dschungel reden konnte. Also stellte ich mich auf sie ein. Mit ihnen sprach ich über Kartenspiele, Golf, Politik und Krawatten. Die großen Leute waren dann immer froh, einen vernünftigen Mann kennengelernt zu haben.

    Die vorliegende Übersetzung ist urheberrechtlich geschützt. Der Gebrauch des Textes ist ausschließlich für private Zwecke, für eine nichtkommerzielle Nutzung gestattet. Eine kommerzielle Nutzung der Inhalte ganz oder in Teilen ist ausgeschlossen und ist nur nach ausdrücklich schriftlicher Genehmigung des Urhebers gestattet.

    Teilen

    Keine Kommentare

    Schreib' einen Kommentar!