15. Kapitel: Der Geograph

    Übersetzung ins Deutsche von Alexander Varell

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    Der sechste Planet war zehnmal größer. Ihn bewohnte ein alter Mann, der gewaltige Bücher schrieb.

    • »Sieh an! Da kommt ein Entdecker!«, sagte er, als er den kleinen Prinzen zu Gesicht bekam.

    Der kleine Prinz setzte sich auf einen Tisch und ruhte sich ein wenig aus. Er war schon so viel gereist!

    • »Wo kommst du her?«, wollte der alte Mann wissen.
    • »Was ist das für ein dickes Buch?«, sagte der kleine Prinz. Was machen Sie hier?
    • »Ich bin ein Geograph«, sagte der alte Mann.
    • »Was ist ein Geograph?«
    • »Das ist ein Gelehrter, der alle Meere, Flüsse, Städte, Berge und Wüsten kennt.«
    • »Das ist sehr interessant«, sagte der kleine Prinz. »Das ist endlich ein echter Beruf!«

    Der kleine Prinz – Der Geograph

    Er warf einen Blick auf den Planeten des Geographen. Noch nie hatte er einen so majestätischen Planeten gesehen.

    • »Er ist sehr schön, Ihr Planet. Gibt es hier auch Ozeane?«
    • »Das weiß ich nicht«, sagte der Geograph.
    • »Ah!« (Der kleine Prinz war enttäuscht.) »Und Berge?«
    • »Auch das kann ich nicht wissen«, sagte der Geograph.
    • »Und Städte und Flüsse und Wüsten?«
    • »Kann ich auch nicht«, sagte der Geograph.
    • »Aber Sie sind doch ein Geograph!«
    • »Das ist richtig«, sagte der Geograph, »aber ich bin kein Entdecker. Mir fehlt es ganz an Entdeckern. Nicht der Geograph geht die Städte, Flüsse, Seen, Meere und Wüsten zählen. Der Geograph ist zu wichtig, um durch die Welt zu streifen. Er verlässt sein Büro nie. Aber er empfängt die Entdecker. Er befragt sie und notiert sich ihre Erinnerungen. Und wenn ihm ihre Erinnerungen bedeutungsvoll erscheinen, stellt der Geograph eine Untersuchung über den Charakter des Entdeckers an.«
    • »Warum?«
    • »Weil ein Entdecker, der lügt, eine Katastrophe über die Geographie-Bücher hereinbrechen würde. Ebenso wie ein Entdecker, der zu viel trinkt.«
    • »Warum?«, fragte der kleine Prinz.
    • »Weil Säufer doppelt sehen. Der Geograph würde zwei Berge vermerken, wo es nur einen gab.«
    • »Ich kenne jemanden«, sagte der kleine Prinz, »der würde ein schlechter Entdecker sein.«
    • »Das ist möglich. Wenn sich aber der Charakter eines Entdeckers als gut herausstellt, dann macht man eine Untersuchung über seine Entdeckung.«
    • »Wird man nachsehen?«
    • »Nein. Das wäre zu kompliziert. Aber von einem Entdecker erwartet man, dass er Beweise liefert. Wenn seine Entdeckung zum Beispiel ein großer Berg ist, fordert man, dass er große Steine vorzeigt.«

    Da gingen dem Geographen plötzlich die Augen auf.

    • »Aber du kommst doch von weit her! Du bist ein Entdecker! Du musst mir deinen Planeten beschreiben!«

    Nachdem der Geograph sein Register aufgeschlagen hatte, spitzte er seinen Bleistift. Zunächst notiert man die Geschichten von Entdeckern mit einem Bleistift. Sie werden erst dann mit Tinte niedergeschrieben, wenn der Entdecker Beweise erbracht hat.

    • »Und?«, fragte der Geograph.
    • »Oh! Bei mir zu Hause«, sagte der kleine Prinz, »ist es nicht sehr interessant, es ist sehr klein. Ich habe drei Vulkane. Zwei aktive Vulkane und einen erloschenen. Aber man kann ja nie wissen.«
    • »Man kann nie wissen«, sagte der Geograph.
    • »Ich habe auch eine Blume.«
    • »Wir notieren Blumen nicht«, sagte der Geograph.
    • »Wieso nicht! Sie sind das Schönste!«
    • »Weil Blumen vergänglich sind.«
    • »Was bedeutet ›vergänglich‹?«
    • »Die Geographie-Bücher«, sagte der Geograph, »sind die wertvollsten aller Bücher. Sie veralten niemals. Es ist sehr selten, dass ein Berg seine Lage ändert. Es ist auch selten, dass ein Ozean sein Wasser entleert. Wir notieren uns die ewigen Dinge.«
    • »Aber erloschene Vulkane können aufwachen«, unterbrach ihn der kleine Prinz. »Was bedeutet ›vergänglich‹?«
    • »Ob Vulkane erloschen sind oder nicht, ist für uns einerlei«, sagte der Geograph. »Worauf es uns ankommt, ist der Berg. Er ändert sich nicht.«
    • »Aber was bedeutet ›vergänglich‹?«, wiederholte der kleine Prinz, der in seinem Leben noch nie auf eine Frage verzichtete, die er bereits gefragte hatte.
    • »Es bedeutet ›vom baldigen Verschwinden bedroht‹.«
    • »Ist meine Blume vom ›baldigen Verschwinden bedroht‹?«
    • »Natürlich.«

    »Meine Blume ist vergänglich«, dachte der kleine Prinz, »und sie hat nur vier Dornen, um sich gegen die Welt zu erwehren! Und ich ließ sie allein zu Hause zurück!«

    Dies war sein erstes Gefühl des Bedauerns. Aber er fasste Mut:

    • »Was raten Sie mir, was soll ich besuchen?«, fragte er.
    • »Den Planeten Erde«, antwortete der Geograph. »Er hat einen guten Ruf …«

    Und der kleine Prinz ging fort und dachte an seine Blume.

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