Wind, Sand und Sterne – Ein preisgekrönter Roman von Antoine de Saint-Exupéry

Wind, Sand und Sterne ist Saint-Exupérys dritter, mehrfach preisgekrönter Roman. Bei Erlebnissen und Begegnungen als Pilot und Journalist begibt er sich auf die Suche nach dem Sinn des Lebens und entfaltet dabei seine ganze Philosophie um Leben, Gewissen und Verantwortung. Dabei zeichnet er seinen Weg zur Erlösung des Menschen.

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Wind, Sand und Sterne – Ein preisgekrönter Roman von Antoine de Saint-Exupéry

Inhaltsangabe

In Wind, Sand und Sterne setzt sich Antoine de Saint-Exupéry mit Erlebnissen als Pilot und als reisender Journalist auseinander. Sein „Roman“ ist im Grunde eine autobiografische Schrift. Er ist nur schwer einzuordnen, weil er sich vieler Gattungen bedient. Er ist Roman, Erzählung und Augenzeugenbericht, er ist persönliches Geständnis und philosophische Meditation und mitunter nimmt er Züge einer Predigt an. Das Buch steckt voller Lebenserkenntnisse, die Saint-Exupéry sprachgewaltig entfaltet.

Wieder greift er auf bekannte Themen zu: das Mysterium des Fluges, Freundschaft und Kameradschaft, das Flugzeug als ein Werkzeug zur Verbindung von Welten, Glaubensbekenntnisse, das Verschmelzen des Piloten mit seinem Flugzeug, die Erhöhung des Menschen, das Geheimnis der Wüste, der Zauber der Sterne und die Gewalten der Natur. Er schildert Erlebnisse, in denen Menschen wie Lichter in der Nacht aus dem „Termitenhaufen“ hervortreten. Die Linien seiner Geschichten führen immer auf den gleichen gedanklichen Ursprung, der von Leben, Gewissen, Verantwortung und dem werdenden Menschen geprägt wird, zurück und verknüft sie so zu einer philosophischen Einheit.

Die Einleitung des Buches

Wind, Sand und Sterne - Ein Roman von Antoine de Saint-Exupéry
Wind, Sand und Sterne – Roman von Antoine de Saint-Exupéry, Karl Rauch Verlag, 220 S., gebundene Ausgabe, 14,90 €

In einer Einleitung stellt er eben diesen Tenor seines Buches heraus: „Die Erde schenkt uns mehr Selbsterkenntnis als alle Bücher, weil sie uns Widerstand leistet. Nur im Kampf findet der Mensch zu sich selber. Aber er braucht dazu ein Werkzeug, einen Hobel, einen Pflug. Der Bauer ringt in zäher Arbeit der Erde immer wieder eines ihrer Geheimnisse ab, und die Wahrheiten, die er ausgräbt, sind allgültig. So stellt auch das Flugzeug, das Werkzeug des Luftverkehrs, den Menschen allen alten Welträtseln gegenüber und wird uns zum Werkzeug der Erkenntnis und der Selbsterkenntnis.“ Die verstreuten Lichter, lebenden Sternen gleich, die ihm beim Nachtflug auf der Erde begegnen, sind ihm – jedes Einzelne für sich – Zeugen für das Wunder des menschlichen Bewusstseins. Zwischen diesen Lichtern verbirgt sich ein dunkler Raum voll verschlossener Fenster. Diese Zwischenräume will er in seinem Buch überbrücken und eine Verbindung zwischen den Lichtern herstellen.

Die Kapitel im Überblick

Die amerikanische Fassung (und die deutsche) umfasst neun Kapitel, die französische Ausgabe nur acht. In dieser fehlt das vierte Kapitel, das er zu spät bei seinem Verlag nachgereicht hatte:

  • Er beginnt mit seiner Ausbildung zum Piloten und dem nachdrücklichen „Erdkundeunterricht“ alter Flugpioniere (Kapitel 1).
  • Dann erinnert er sich an seine Kameraden und an ein nächtliches Lager in der Wüste, das zu einem menschlichen Freundenfest inmitten der Gefahr wurde. Auch an den Absturz seines Freundes Guillaumet in den Anden, seinem heldenhaften Überlebenskampf und seiner Rettung erinnert er sich (Kapitel 2).
  • Schließlich singt er einen Freudengesang auf das Flugzeug, das ihm wie der Pflug für den Bauern ist (Kapitel 3).
  • Mit seinem Flugzeug gerät er in einen Wirbelsturm, der es schwanken lässt und ihn immer wieder aufs offene Meer hinausdrängt. Um zehn Kilometer voranzukommen, kämpft er bis zur Erschöpfung eine Stunde lang gegen das Sturmmonster, ehe seine Gewalt nachlässt (Kapitel 4).
  • Dann wird ihm das Flugzeug zu einem Instrument, das ihm hilft, die Welt zu analysieren und zu verstehen. Er erzählt, wie er einmal allein in der Wüste notlanden musste und unter dem nächtlichen Sternengewimmel eine tiefe Verbundenheit mit der Erde fühlte (Kapitel 5).
  • Die Oase führt ihn zurück in eine bezaubernde, unbekannte Welt. Er erinnert sich an den Besuch eines alten Hauses in Argentinien. Die Töchter seines Gastgebers, die ihm wie Prinzessinnen eines magischen Reiches vorkamen, prüften ihn mit einem Schlangentest als wäre es eine Initiationsritus (Kapitel 6).
  • Wieder kehrt er in die Wüste zurück, um sich mit ihrer inneren Schönheit auseinanderzusetzen. Diese wird einem gewahr, wenn man sich auf ihre Spielregeln einlässt. Dabei erinnert er sich an Araber, die er nach Frankreich eingeladen und ihnen einen Wasserfall gezeigt hatte, der sie in große Verwunderung über die Großzügigkeit Gottes versetzte. Er berichtet auch über den alten Sklaven Bark, den er freikaufte und der sich mit kleinen Schritten die verlorene Bindung zu den Menschen zurückeroberte (Kapitel 7).
  • Nun erinnert er sich an seinen Flugzeugabsturz in der Wüste, an eine Grenzsituation, bei der er dem Tode nahe war und zu verdursten drohte. Doch inmitten dieser Gefahr entwickelte er eine Sensibilität, die es ihm ermöglichte, sich selbst zu finden (Kapitel 8).
  • Im letzten Kapitel kommt er zum Menschen, der einen Sinn in seinem Leben finden muss, um sich auf dem fruchtbaren Boden der Selbsterkenntnis vervollkommnen zu können. Dem Menschen in der modernen Welt, meint er, wäre dieser Sinn verloren gegangen – vielmehr wäre er verschüttet. Er erinnert sich an einen Offizier im Spanischen Bürgerkrieg, der Erfüllung fand, indem er sein Leben seinen Kameraden weihte. Im Tod einer Bäuerin in Gegenwart ihrer Söhne sieht er ein Grundprinzip des Lebens, das seine Geheimnisse von Generation zu Generation weitergibt. Und schließlich kommt er auf das Kind von polnischen, von der Arbeit schwer gezeichneten, abgestumpften Arbeitern zu sprechen, das er wie einen vorverurteilten Mozart betrachtet, dessen Genie in dieser Welt aus stumpfer, aufzehrender Arbeit verschollen bleiben wird, wenn es keinen Sinn im Leben findet und seinen Geist, mit dem es seine eigene Welt erschaffen kann, nicht zu entfalten vermag (Kapitel 9).

Hintergründe und Entstehung des Romans

Sein Roman Nachtflug brachte Saint-Exupéry 1931 den Durchbruch als Schriftsteller. Doch diesen Erfolg konnte er nicht genießen, ganz unerwartet brachte er Frustration mit sich. Viele seiner Pilotenfreunde, deren Heldentaten er in seinem Roman gepriesen hatte, wendeten sich von ihm ab. „Weil ich dieses unglückselige Buch geschrieben habe, bin ich zur Feindschaft meiner Kameraden verurteilt“, beschwert er sich bei seinem Freund Guillaumet, der Saint-Ex ebenso wie Daurat und Mermoz die Treue hielt.

Auch beruflich erlebte er derbe Rückschläge. Die Aéropostale ging in gewaltigen Skandalen unter und musste liquidiert werden. Über Nacht verlor er seine Anstellung bei der Aeroposta Argentina. Die Ära der Flugpioniere ging langsam ihrem Ende entgegen und die kommerzielle Luftfahrt begann. Diese Rückschläge verunsicherten Saint-Exupéry zutiefst. Erst sieben Jahre später wagte er sich an die Arbeit für seinen neuen Roman Wind, Sand und Sterne. Die Erlebnisse und Erfahrungen in dieser Zeit waren Gegenstand seines neuen Buches.

Zunnächst kehrte er zur Fliegerei zurück. In der Sahara versuchte er als Postpilot den Zauber alter Zeiten heraufzubeschwören, was gänzlich misslang. Desillusioniert zog er sich aus Afrika zurück und nahm eine Anstellung als Testpilot für Wasserflugzeuge an. Bei einem Unfall kam er fast ums Leben, nur dank einer großen Luftblase in seinem Cockpit überlebte er. So verlor er erneut die Anstellung, erhielt aber bei der Air France einen Auftrag mit Werbeflügen, die ihn zu Vortragsreisen im Mittelmeerraum führen.

1935 veröffentlicht er für Paris Soir seine erste Reportage. Er begab sich hierzu mit dem Zug auf die lange Fahrt nach Moskau. Auch in seinen Reportagen blieb er seinem Stil treu. Seine Alltagserlebnisse verband er mit seiner unentwegten Suche nach dem Wesentlichen. 1936 und 1937 geht er als Journalist in den Spanischen Bürgerkrieg. Das Erlebnis des Krieges verstört ihn zunächst zutiefst, doch entdeckt er inmitten seiner Sinnlosigkeit immer wieder Spuren des Lebens und Glücks.

Bei einem missglückten Langstreckenflug verlor er 1935 beinahe das Leben, als er mit seinem Techniker Prévot in der Wüste strandete. 5 Tage irrten sie durch die Wüste. Dem Verdursten nahe wurden die erschöpften Wanderer von einer Beduinenkarawane gerettet. Ein erneuter Absturz 1938 bei einem Langstrecken-Rekordversuch hatte weitreichende Folgen für ihn. Er zog sich schwere Verletzungen zu, einen Schädelbruch und eine zersplitterte Schulter. Seinen Arm sollte er nie wieder richtig heben können. Nach seinem Klinikaufenthalt reiste er mit der zu Hilfe gekommenen Consuelo nach New York, wo sich Freunde rührend um ihn sorgten. Der amerikanische General Donovan bot ihm seine Wohnung am Beekman Place zur Erholung an. Hier genoss er den Blick auf den East River und begann seine Aufzeichnungen für seinen dritten „Roman“ Wind, Sand und Sterne. Seine Artikel der vergangenen sieben Jahre sollten hierzu die Grundlage sein.

Merkwürdige Gegebenheiten bei der Buchentstehung

Das Buch entstand unter merkwürdigen Gegebenheiten. Vor seiner Rückreise nach Frankreich übergab er Lewis Galantière im April 1938, der von den Verlegern Hitchcock und Reynal mit der Übersetzung beauftragt wurde, ein Manuskript für das Buch, an dem er noch ständig arbeitete. In Frankreich veröffentlichte er in Paris-Soir im Oktober 1938 eine Artikelserie, in der er seine wichtigen Themen wieder aufgriff. Es war seine Suche nach dem Sinn des Lebens, nach der Erlösung des Menschen und die Einsicht zur Notwendigkeit einer gemeinsamen Sprache, die diese Artikel beseelte. In Wind, Sand und Sterne nahm er diese Themen auf und entwickelte sie weiter.

Eine weitere Beitragsserie mit dem Titel Abenteuer und Zwischenlandungen im November erschien sogar wie ein erster Entwurf für den Roman. Ständig zeigte er sich unzufrieden mit seinen Bearbeitungen, Galantière und seinen französischen Verlag Gallimard versorgte er mit immer neuen Entwürfen, Änderungsvorschlägen und Streichungen. Galantière war von den Streichungen so entsetzt, dass er sein Veto einlegte, weil er glaubte, Saint-Exupéry streiche seine besten Passagen. Er setzte so für die amerikanische Ausgabe einen umfangreicheren Text durch, während in Frankreich die gekürzte Variante erschien. Weil er seinen amerikanischen Verlegern zusätzliche Kapitel versprochen hatte, schreibt er kurz vor Drucklegung ein weiteres Kapitel mit dem Titel Die Naturgewalten. Er befand das Kapitel für so gelungen, dass er es auch in der französischen Ausgabe wünschte. Doch für diese kam es zu spät. Erst im August 1939 veröffentlichte er das Kapitel in Frankreich erstmalig in Marianne. Die beiden Buchausgaben wurde fast zeitgleich Anfang 1939 veröffentlicht.

Der Titel des Buches

Auch die Titelfindung für Wind, Sand und Sterne gestaltete sich schwierig. Gemeinsam mit einem Vetter entwickelte er über 30 Titel. Die Wahl fiel schließlich auf den Titel Terre des humains, doch änderte er diesen nochmals auf der Korrekturfahne zu Terre des hommes (Der Planet des Menschen) ab. Der französische Titel hat viele Bedeutungsaspekte und ist schwer zu übersetzen. Die amerikanische Ausgabe erscheint daher auch mit dem Titel Wind, Sand and Stars.

Auszeichnungen für Wind, Sand und Sterne

Obwohl das Buch mehr einer autobiografischen Schrift gleicht, erhielt Antoine de Saint-Exupéry in Frankreich hierfür den großen Romanpreis der Académie française. Auch in Amerika wurde das Buch zum Publikumserfolg. Es war das Buch des Monats, das Buch des Jahres und erhielt den National Book Award.

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3 Kommentare

  1. Vielen Dank für die wertvolle Dokumentation!

    Zu Kapitel 6: „Die Oase führt ihn zurück in eine bezaubernde, unbekannte Welt. Er erinnert sich an den Besuch eines alten Hauses in Argentinien. Die Töchter seines Gastgebers, die ihm wie Prinzessinnen eines magischen Reiches vorkamen, prüften ihn mit einem Schlangentest als wäre es eine Initiationsritus“.

    Die Oase existiert immer noch als Ruine (Historia de un castillo) und wurde in einem in Youtube verfügbaren Dokumentarfilm beschrieben:

    Oasis – le docu-fiction inspiré de Terre des hommes
    http://www.antoinedesaintexupery.com/oasis-le-docu-fiction-inspir%C3%A9-de-terre-des-hommes

    Oasis – Saint Exupery en Concordia – de Danilo Lavigne
    https://www.youtube.com/watch?v=hSpwMNUgznM

    Auch die Namen und das Alter der beiden Prinzessinen sind bekannt: Suzanne (16) und Edda (9) Fuchs Valon:

    Historia de un castillo – Texto y fotos de Matías Gigli
    http://www.pagina12.com.ar/diario/suplementos/m2/10-69-2002-06-30.html

    • Alexander Varell unter Zuhilfenahme einiger Biografien, u.a. von Alain Vircondelet und Joy D. Marie Robinson

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