Charakterisierung der Figuren in »Der kleine Prinz«

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Im Verlauf der Erzählung »Der kleine Prinz« begegnet man einer Vielzahl von Figuren. Dabei ist zunächst festzustellen, dass es sich bei der Geschichte um ein Kunstmärchen handelt. Der kleine Prinz begegnet auf seiner Reise sowohl Menschen, den »großen Leuten«, als auch Tieren und Blumen, mit denen er allesamt Dialoge führt. Sie alle bezeichnen wir im Folgenden als ›Figuren‹. Der kleine Prinz, seine Rose, der Pilot, der Fuchs und die Schlange sind Hauptcharaktere, alle anderen sind Nebenfiguren und Stereotype.

Hauptcharaktere

Der Pilot

In der Erzählung vom kleinen Prinzen begegnen wir zunächst dem Piloten. Er ist der Erzähler der Geschichte, durch seinen Blick lernen wir den kleinen Prinzen, dessen Welt und Erlebnisse auf der Reise von Planet zu Planet kennen.

Der Pilot berichtet zunächst von seiner eigenen Kindheit, als er im Alter von 6 Jahren dermaßen fasziniert von der Abbildung einer Schlange gewesen war, dass er spontan mit dem Zeichnen dieses Erlebnisses begann. Er zeichnete eine Riesenschlange, eine Boa Constrictor, die einen Elefanten verschlang. Von der Phantasielosigkeit der Erwachsenen ganz entmutigt, für die Kunst und Phantasie für das Leben scheinbar keinen Wert zu haben scheinen, gab er eine »wunderbare Karriere als Maler« bereits nach zwei Zeichnungen auf. Er folgte dem Rat der Erwachsenen und versteifte sich fortan auf die herkömmliche Schulbildung wie Rechnen, Grammatik, Geschichte und Geographie. Seine Berufswahl beschreibt er sehr nüchtern: Er lernte Flugzeuge zu fliegen. Sein Schulwissen war ihm hierbei durchaus sehr nützlich. So verbirgt sich aber die Identität eines ursprünglich sehr phantasiebegabten Kindes hinter seiner beruflichen Identität als Pilot.

Antoine de Saint-Exupéry hat keinen Hehl daraus gemacht, dass es sich bei dem Piloten um ihn selbst handelt. In einer früheren Manuskript-Version hieß es sogar: »Lange beförderte ich die Post und Passagiere … Ich habe auch Bücher geschrieben …« Weil sich hinter der Figur des kleinen Prinzen ebenfalls der Autor Exupéry als Kind verbirgt, kommt es in der Erzählung also zu einer Auseinandersetzung des erwachsenen Autoren mit sich selbst als Kind.

Diese Verbindung zu seiner Kinderzeit ist bei dem Erzähler noch nicht ganz erkaltet. Ganz im Gegenteil: Er hat sich seine Zeichnungen aufbewahrt. Wenn er neue, vielversprechende Bekanntschaften machte, hoffte er, Freunde in ihnen zu finden. Er zeigte seine Zeichnung Nummero 1, doch stieß er immer auf das gleiche phantasielose Fehlurteil, dass es sich bei der Schlange um einen Hut handelte. So blieb ein großer Teil seines Wesen für die anderen immer unsichtbar im Verborgenen. Er stellte sich auf den Standpunkt der Erwachsenen und wurde von ihnen als ein vernünftiger Mensch angesehen. Doch fand er niemanden, dem er sich ganz preisgeben konnte, niemanden, bei dem er sich vollständig geborgen fühlte. Er lebte ein Leben in Einsamkeit, bis er eines Tages in der Wüste auf den kleinen Prinzen traf.

Die Schicksale beider Figuren verknüpft der Autor miteinander: Beide sind sie vom Himmel gefallen, beide sind sie einsam, beide sind sie auf der Suche nach wahrer Freundschaft, beide begeben sie sich auf die Suche nach einem Brunnen in der Wüste, sie erleben gemeinsam das geheimnisvolle Leuchten des Wüstensandes und beide kehren sie nach ihrer Begegnung wieder nach Hause zurück. Die Bildungsreise des kleinen Prinzen wird auch zur Bildungsreise des Piloten.

Als der kleine Prinz den Piloten bittet, ein Schaf zu zeichnen, prüft ihn der Pilot, indem er zunächst eine Zeichnung der Riesenschlange vorzeigt. Der kleine Prinz erkennt die Zeichnung. So nimmt der Pilot die Verbindung zu der verschütteten Welt seiner eigenen Kindheit wieder auf, in der eine Einheit zwischen seinem Ich und seiner Umwelt bestand. Zwar hat er seine Fähigkeiten als Maler wenig entwickeln können, doch beginnt er und fertig die gewünschten Zeichnungen für den kleinen Prinzen an. Indem es ihm gelingt, eine Zeichung von einem Schaf anzufertigen, die den kleinen Prinzen befriedigt (dies es Schafes in der Kiste), erfahren wir nach und nach das Schicksal des kleinen Prinzen kennen.

Dadurch entdeckt der Pilot das Geheimnis wahrer Freundschaft für sich. Zunächst lernen wir ihn aber als einen kennen, der in seinem Wesen den »großen Leuten« nahe steht. Seine Sorge gilt ganz der Reparatur seines Flugzeuges. Die Gefahr zu verdursten treibt ihn an. Weil ihm dies wichtiger ist als der »Krieg der Schafe mit den Blumen«, erzürnt er den kleinen Prinzen. Um seinen verzweifelten Gefährten zu trösten, legt er aber seine Werkzeuge beiseite. Die Reparatur seines Flugzeuges wird fortan immer unwesentlicher und er wird sich immer mehr seiner selbst bewusst. Auf der Suche nach Wasser in der Wüste erinnert er sich schließlich an das Haus seiner Kindheit. In seinem Inneren verbarg es einen Schatz, ein Geheimnis, das seine unsichtbare Schönheit ausmachte. Als er dem kleinen Prinzen Wasser zum Trank reicht, erinnert er sich auch an den Zauber, den die Geschenke zu Weihnachten tatsächlich ausmachten. So wird er sich über den wahren Sinn der Dinge bewusst, der jenseits des objektiv Sichtbaren zu finden ist.

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