Der kleine Prinz – Interpretation: Die Themen

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Das Leben als Bildungsreise, Lernen als Lebensziel

Der Übergang von der Kindheit zum Erwachsenensein ist für Jugendliche eine schwierige, aber sehr entscheidende Lebensphase. In dieser Zeit beginnt man, sich selbst und seine Umgebung sehr bewusst wahrzunehmen. Dies schafft große Verwirrungen einerseits, Distanz und Einsamkeit andererseits, weil man sich selbst abgrenzt und sein Anderssein wahrnimmt, weil man seine eigene Welt und seine Werte zu definieren beginnt und sich dabei oftmals von einer Welt unverstanden fühlt, die einem unentwegt ihre Unvollkommenheit und Beschränktheit entgegensetzt. Man hat Gefühle, die man noch nicht kannte. Und natürlich versteht man so vieles – noch – nicht.

Der kleine Prinz ist auf seinem Planeten in diese Lebensphase gekommen. Seine Vorliebe für Sonnenuntergänge ist die Sehnsucht nach Erkenntnis und nach Freundschaft. Doch seine Blume mit ihren Kapriolen verzweifelt ihn. Ihr Wesen bleibt ihm verborgen, ebenso wie das Wesen ihrer Beziehung. Er entscheidet sich zu fliehen und hinaus zu gehen in die große, unbekannte Welt – ein entscheidender Entschluss.

So begibt er sich von Planet zu Planet, um – wie er selbst sagt – zu lernen und Freunde zu finden. Seine Ziele stehen somit von Beginn an fest, nur die Richtung seiner Reise ist ungewiss. Bei jeder Etappe lernt er etwas Neues hinzu. Zunächst lernt er, wonach die anderen alles streben: nach Macht wie der König, nach der Bewunderung durch Andere wie der Eitle, nach gar nichts mehr wie der Säufer oder nach materiellem Reichtum wie der Geschäftsmann. Ihr Streben hat sie – ebenso wie der dienstbeflissene Laternenanzünder – in einen Einsamkeit bringenden Teufelskreis geführt. Das Streben nach (Selbst)Erkenntnis ist ihnen fern, sie verharren in ihrer einsamen Welt und entscheiden sich somit auch gegen das Lernen. Das ist nichts, was den kleinen Prinzen bewegt.

Komplizierter ist das beim Geographen, denn Lernen ist quasi dessen Beruf. Oder auch nicht!? Saint-Exupéry legt eine deutliche Trennlinie zwischen persönlicher, gelebter Erfahrung und abstrakter, wissenschaftlicher Erkenntnis. Der Geograph kennt nicht einmal seinen eigenen Planeten, er ist ein typischer Buchgelehrter. Er häuft das Wissen der Entdecker an, bewertet es mit den Methoden seines Berufes und nimmt es in den Wissenskanon auf oder auch nicht. Er fabriziert dicke Bücher und das darin enthaltene Wissen kann durchaus sehr nützlich sein – wie wir bereits im ersten Kapitel vom Piloten erfahren, denn die Geographie hat ihm eine gute Orientierung beim Flug ermöglicht, mehr aber auch nicht. Doch die Methoden des Geographen bei der wissenschaftlichen Erkenntnis sind mindestens anzuzweifeln, denn weil ihm die persönliche Anschauung fehlt, verlangt er von den Entdeckern Beweise: Ein großer Stein ist ihm der Beweis für einen großen Berg, ein kleiner für einen kleinen. Das auf diese Weise erlangte Wissen ist im schlimmsten Falle nutzlos und falsch. Auch der Besuch des kleinen Prinzen bringt dem Geographen persönlich keinen Erkenntnisgewinn, weil er, völlig auf die Grenzen der eigenen Wissenschaft beschränkt, dessen Bericht von den »vergänglichen Dingen« ignoriert und nicht gewollt ist, über den Tellerrand hinauszublicken. Der Geograph lernt also gar nichts. Der kleine Prinz aber begreift das Wesen der Vergänglichkeit und setzt seine Reise auf der Erde fort.

Auf der Erde verstärken sich die Erfahrungen des kleinen Prinzen, die er unter den Menschen gemacht hat. Als er im Rosengarten schließlich entdeckt, dass seine Blume eine Rose ist, und dass sie äußerlich nur eine von Tausenden anderen ist, fühlt er sich von ihr hintergangen. Noch lässt er sich vom Augenschein täuschen, von Äußerlichkeiten – wie die großen Leute. Erst durch den Fuchs lernt er endlich, den unermesslichen, im verborgenen liegenden Wert seiner Rose für sich zu schätzen. Der Weg des Lernens hat den kleinen Prinzen zu einer lebensentscheidender Erkenntnis und zu einem neuen Selbstbewusstsein gebracht. Wohin die Reise geht, wusste er nicht. Doch jetzt besitzt er die Kraft, bestehende Grenzen zu überwinden und glücklich zu werden. Er kehrt zu seiner Rose zurück.

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