25. Kapitel: Der singende Wüstenbrunnen

Übersetzung ins Deutsche von Alexander Varell

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  • »Die Menschen«, sagte der kleine Prinz, »fahren in Schnellzügen, aber sie wissen nicht, wohin sie wollen. Sie ärgern sich und drehen sich im Kreis …«

Und er fügte hinzu:

  • »Das ist der Mühe nicht Wert …«

Der Brunnen, den wir erreicht hatten, war nicht wie andere Brunnen der Sahara. Die Brunnen in der Sahara sind nur in den Sand gegrabene Löcher. Dieser sah aus wie ein normaler Dorfbrunnen. Aber es gab kein Dorf hier, und ich dachte, es wäre ein Traum.

  • »Es ist seltsam«, sagte ich zum kleinen Prinzen, »alles ist bereit: die Seilwinde, der Eimer und das Seil …«

Er lachte, ließ das Seil und die Winde spielen und die Winde stöhnte wie ein altes Windrad, wenn der Wind lange geschlafen hatte.

Der kleine Prinz am Brunnen in der Wüste

  • »Hörst du«, sagte der kleine Prinz. »Wir wecken den Brunnen auf und er singt …«

Ich wollte nicht, dass er sich anstrengen musste:

  • »Überlass das mir«, sagte ich, »es ist zu schwer für dich.«

Langsam zog ich den Eimer bis zum Brunnenrand. Ich stellte ihn gerade auf. In meinen Ohren sang noch das Lied der Seilwinde und im sich kräuselnden Wasser sah ich die Sonne zittern.

  • »Ich habe Durst nach diesem Wasser«, sagte der kleine Prinz, »gib mir zu trinken …«

Und ich verstand, was er gesucht hatte.

Ich hob den Eimer an seine Lippen. Er trank mit geschlossenen Augen. Es war wie ein Fest. Dieses Wasser war viel mehr als ein Getränk. Es war entsprungen aus dem Fußmarsch unter den Sternen, dem Gesang der Winde, geboren aus meiner Hände Arbeit. Es war gut für das Herz, wie ein Geschenk. Als ich noch ein Junge war, machten die Lichter des Christbaumes, die Musik der Mitternachtsmesse, die Sanftmut des Lächelns den eigentlichen Glanz der Weihnachtsgeschenke aus, die ich bekam.

  • »Die Leute bei dir«, sagte der kleine Prinz, »züchten fünftausend Rosen in einem Garten … und dennoch finden sie nicht, was sie suchen …«
  • »Sie finden es nicht«, antwortete ich …
  • »Und doch könnten sie es in einer einzigen Rose oder in einem einzigen Schluck Wasser entdecken …«
  • »So ist es«, antwortete ich.

Und der kleine Prinz fügte hinzu:

  • »Aber die Augen sind blind. Man muss mit dem Herzen suchen.«

Ich hatte getrunken. Ich schöpfte wieder Atem. Der Sand hat bei Tagesanbruch die Farbe von Honig. Ich war auch über diese Honigfarbe glücklich. Worüber sollte ich mir Sorgen machen …

  • »Du musst dein Versprechen einlösen«, sagte der kleine Prinz behutsam, der sich wieder zu mir gesetzt hatte.
  • »Welches Versprechen?«
  • »Du weißt doch … einen Maulkorb für mein Schaf … Ich bin verantwortlich für diese Blume!«

Ich nahm meine Skizzen aus der Tasche. Der kleine Prinz betrachtete sie und sagte mit einem Lachen:

  • »Deine Affenbrotbäume sehen wie Kohlköpfe aus …«
  • »Oh!«

Ich war sehr stolz auf meine Affenbrotbäume!

  • »Dein Fuchs … seine Ohren … sie sehen ein wenig wie Hörner aus … und sie sind zu lang!«

Und er lachte wieder.

  • »Du übersiehst, kleiner Mann, ich hatte bisher außer einer geschlossenen Riesenschlange und einer offenen Riesenschlange nichts anderes gezeichnet.«
  • »Oh! Es wird gehen«, sagte er, »die Kinder werden es erkennen.«

So skizzierte ich einen Maulkorb. Und schweren Herzens übergab ich ihn dem kleinen Prinzen:

  • »Du hast Pläne, die ich nicht kenne …«

Aber er antwortete mir nicht. Er sagte:

  • »Weißt du, mein Sturz auf die Erde … Morgen ist es der Jahrestag davon …«

Dann, nach einer Pause, sagte er:

  • »Ich landete ganz hier in der Nähe …«

Und er errötete.

Ohne zu verstehen warum, fühlte ich wieder einen seltsamen Schmerz. Da kam mir eine Frage auf:

  • »So ist es also kein Zufall, dass du an dem Morgen, als ich dich vor acht Tagen traf, so ganz allein, tausend Meilen von jeder bewohnten Gegend entfernt, spazieren gingst? Du gingst zu dem Punkt zurück, wo du gelandet warst?«

Der kleine Prinz errötete erneut. Und ich fügte zögernd hinzu:

  • »Vielleicht war es der Jahrestag…?«

Der kleine Prinz errötete nochmals. Nie hatte er eine Frage beantwortet, aber wenn man errötet, bedeutet das »ja«, oder nicht?

  • »Ah!«, sagte ich zu ihm, »ich habe Angst …«

Doch er antwortete ruhig:

  • »Du musst jetzt an die Arbeit. Du musst wieder zu deiner Maschine zurückgehen. Ich warte hier auf dich. Komm morgen Abend wieder …«

Aber ich war beunruhigt. Ich erinnerte mich an den Fuchs. Man könnte ein wenig weinen, wenn man gezähmt wurde …

Die vorliegende Übersetzung ist urheberrechtlich geschützt. Der Gebrauch des Textes ist ausschließlich für private Zwecke, für eine nichtkommerzielle Nutzung gestattet. Eine kommerzielle Nutzung der Inhalte ganz oder in Teilen ist ausgeschlossen und ist nur nach ausdrücklich schriftlicher Genehmigung des Urhebers gestattet.

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