4. Kapitel: Die Entdeckung von B 612

Übersetzung ins Deutsche von Alexander Varell

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Ich hatte eine zweite sehr wichtige Sache gelernt: Sein Heimat-Planet war kaum größer als ein Haus!

Das erschien mir wirklich sehr seltsam. Ich wusste zwar, dass es außer den großen Planeten wie Erde, Jupiter, Mars und Venus, denen man bereits Namen gegeben hatte, noch Hunderte von anderen Planeten gibt, die manchmal so klein sind, dass man sie kaum im Fernrohr sehen kann. Wenn ein Astronom einen von ihnen entdeckt, gibt er ihm eine Zahl. Zum Beispiel nennt er ihn »Asteroid Nummero 3251«.

Ich habe also ernsthafte Gründe zu der Annahme, dass der Planet, von dem der kleine Prinz kam, der Asteroid B 612 ist. Dieser Asteroid war einst im Jahre 1909 von einem türkischen Astronomen entdeckt worden.

Der kleine Prinz – Der türkische Astronom am Teleskop

Auf dem internationalen Kongress der Astronomen hatte er einen großen Vortrag über seine Entdeckung gehalten. Aber niemand hatte ihm Glauben geschenkt, allein seiner Tracht wegen. So sind die großen Leute.

Der kleine Prinz – Der türkische Astronom in Tracht beim Vortrag

Für den Ruf des Planeten B 612 war es ein Glück, dass einst der türkische Herrscher seinem Volk bei Androhung der Todesstrafe befahl, fortan nur noch europäische Kleider zu tragen. Im Jahre 1920 hielt der Astronom seinen Vortrag nun in einem sehr eleganten Anzug noch ein weiteres Mal. Und dieses Mal glaubten sie ihm alle.

Der kleine Prinz – Der türkische Astronom in Anzug beim Vortrag

Wenn ich euch alle diese Einzelheiten über den Asteroid B 612 erzähle und euch seine Nummer verrate, geschieht dies der großen Leute wegen. Die großen Leute lieben nämlich Zahlen. Wenn ihr euch über einen neuen Freund unterhaltet, wollen sie nie das Wesentliche wissen. Sie fragen dich nie: »Wie ist der Klang seiner Stimme? Welche Spiele liebt er am meisten? Sammelt er Schmetterlinge?« Sie wollen lieber wissen: »Wie alt ist er? Wie viele Brüder hat er? Wieviel wiegt er? Wieviel verdient sein Vater?« Erst dann werden sie glauben, ihn zu kennen. Und wenn ihr den großen Leuten erzählt: »Ich habe ein sehr schönes Haus mit roten Ziegeln gesehen, mit Geranien vor den Fenstern und Tauben auf dem Dach …« werden sie sich das Haus nicht vorstellen können. Ihr müsst vielmehr sagen: »Ich habe ein Haus gesehen, das hunderttausend Franken wert ist.« Dann kreischen sie gleich: »Oh, wie schön!«

So ist es auch, wenn ihr ihnen sagt: »Der Beweis dafür, dass es den kleinen Prinzen wirklich gab, besteht darin, dass er zauberhaft war, dass er lachte und ein Schaf haben wollte. Und wenn jemand ein Schaf haben will, ist das der Beweis dafür, dass es einen gibt.« Dann werden sie nur mit den Schultern zucken und behandeln euch wie kleine Kinder! Wenn ihr ihnen aber sagt: »Der Planet, von dem er herkam, ist der Asteroid B 612«, dann würden sie überzeugt davon sein und euch keine Fragen mehr stellen. So sind sie. Wir dürfen es ihnen nicht verübeln. Denn Kinder müssen mit den großen Leuten viel Nachsicht üben.

Wir, die wir wissen, was das Leben bedeutet, scheren uns nicht um zu viele Fragen! Diese Geschichte hätte ich auch viel lieber wie ein Märchen begonnen. Ich hätte gern gesagt: »Es war einmal ein kleiner Prinz, der lebte auf einem Planeten, der war kaum größer als er selbst, und er brauchte einen Freund …« Für diejenigen, die das Leben wirklich verstehen, würde sich dies viel besser anhören.

Ich möchte nicht, dass man mein Buch zu leicht hinnimmt. Es macht mich so traurig, von diesen Erinnerungen zu erzählen. Es ist nun schon sechs Jahre her, als mein Freund mit seinem Schaf davonzog. Ich erzähle dies vor allem, um ihn nicht zu vergessen. Denn es ist traurig, einen Freund zu vergessen. Aber nicht jeder hat einen Freund gehabt. Und ich möchte nicht wie die großen Leute werden, die sich nur für die Zahlen interessieren. Genau deshalb habe ich mir auch einen Farbkasten und ein paar Bleistifte gekauft.

Es ist schwer, in meinem Alter wieder mit dem Zeichnen zu beginnen, erst recht, wenn ich bis zu meinem sechsten Lebensjahr nichts anderes versucht hatte als eine offene und eine geschlossene Boa. Natürlich will ich die Porträts so gut wie möglich machen. Aber ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich das erreichen werde. Wenn die eine Zeichnung halbwegs geht, ist die nächste schon kaum mehr zu erkennen. Auch bei den Maßstäben mache ich mitunter Fehler. Mal ist der kleine Prinz zu groß, mal ist er zu klein. Und bei den Farben seiner Kleider hege ich genauso Zweifel. So probiere ich dies und das. Selbst bei wichtigen Details mache ich bestimmt so einige Fehler. Aber das muss man mir verzeihen. Ich habe nie Erklärungen von meinem Freund erhalten. Er dachte wahrscheinlich, ich würde wie er sein. Doch ich kann nicht wie er durch eine Kiste hindurch ein Schaf sehen. Da bin ich vielleicht ein wenig wie die großen Leute. Die Zeit verschonte mich nicht und ich wurde älter.

Die vorliegende Übersetzung ist urheberrechtlich geschützt. Der Gebrauch des Textes ist ausschließlich für private Zwecke, für eine nichtkommerzielle Nutzung gestattet. Eine kommerzielle Nutzung der Inhalte ganz oder in Teilen ist ausgeschlossen und ist nur nach ausdrücklich schriftlicher Genehmigung des Urhebers gestattet.

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3 KOMMENTARE

  1. Dieses Buch hatte mir mein Vater früher immer vorgelesen. Es ist super das ihr es hier für alle zur Verfügung stellt weil für solche guten Bücher sollte man nicht bezahlen müssen.

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